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Stilles Gedenken an die Reichsprogromnacht

Dienstag, 9. November 2021

18:30 Uhr

Ehemaliger Jüdischen Friedhof

Fehmarn Blieschendorfer Allee/Blieschendorfer Weg/K 43)

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  • Auch in diesem Jahr werden wir der Opfer des Nationalsozialismus gedenken
  • Wir erleuchten den Gedenkstein mit Kerzen
  • Leise Stimmen – Leise Töne – Stilles Gedenken (Beiträge von Vertretern u.A. der Kirchen Fehmarns und der Stadt, Musik Jüdischen Ursprungs)
  • Dann gehen die Menschen zurück in ihr Leben – die Lichter leuchten weiter für die Toten…

Vor 83 Jahren, am 9. auf den 10. November 1938, brannten die Synagogen. Sie brannten in Baden, Württemberg und Hohenzollern, so wie im gesamten Deutschen Reich. Sie brannten in Österreich und in der Tschechoslowakei. Der 9. November ist der Tag, an dem organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand setzten. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord Europas.

Auch, weil Fehmarn zwar keine direkte und mit Namen und Einzelschicksalen dokumentierbare Geschichte der Judenverfolgung vorweisen kann, weil es zum Zeitpunkt der Machtergreifung keine Juden auf Fehmarn gab, hier auf der Insel wurden Zwangsarbeiter ausgebeutet, ermordet und verscharrt, so war es doch Rückzugsraum für relevante Persönlichkeiten des Massenmordes am jüdischen Volk. Himmler (Ehrenbürger Fehmarns) und Heydrich, der eine besondere familiäre Beziehung zu Fehmarn pflegte, und dessen Witwe noch viele Jahrzehnte hier lebte, luden gerne ihre Akkus auf, um anschließend dem Diktator Adolph Hitler zu diensten zu sein bei seinem perfiden, widerwärtigen Plan, das Jüdische Volk auszulöschen.

Fehmarn hatte durchaus auch seine nationalsozialistische Geschichte. Schon ab April 1933 eine Adolf-Hitler-Strasse (die Breite Strasse in Burg) und einen Adolf-Hitler-Platz (in Petersdorf). Es hat aber auch den Bürgermeister Claus Lafrenz gegeben, der sich 1933 den Nazis in den Weg stellte und sich z.B. seinerzeit weigerte, Hakenkreuzflaggen am Rathaus aufziehen zu lassen. Er wurde nur wenige Monate nach seiner deutlichen Intervention und seinem erzwungenen Rücktritt tot im Ostersoll aufgefunden.

Ich möchte hier Hans-Christian Schramm, Lehrer, Heimatforscher und Autor zitieren:
„…Fehmarn war in der Zeit von 1933 bis 1945 keineswegs eine Insel der Glückseligen, auf der man von Hitler und den Nazis nichts wissen wollte und mit denen man nichts zu tun gehabt hätte. Jede Kranzniederlegung zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aber an den Gedenkstätten auf unserer Insel widerspricht dieser Vorstellung…“

Der Ort, den ich bereits vor einigen Jahren für eine Gedenkveranstaltung auserwählt hatte, ist der ehemalige Jüdische Friedhof Fehmarns. Zuwanderer aus Lübeck-Moisling gründeten im 19. Jahrhundert in Burg auf Fehmarn eine Kleinstgemeinde. 1800 legte die Gemeinde auf einem dreieckigen Grundstück an der Straße in Richtung Blieschendorf einen Friedhof an. 1879 fand dort die letzte Beerdigung statt. In den Jahren danach muss sich die jüdische Gemeinde aufgelöst haben. Als 1923/24 die Sundchaussee ausgebaut wurde, gab es auf Fehmarn keine Juden mehr. Sichtbare Grabstätten sind nicht mehr vorhanden. 1957 wurde auf dem Areal ein Gedenkstein gesetzt und 1958 wurde das Grundstück mit einer Hecke umgeben und das Innere zu einem Rasenplatz umgestaltet. Der Gedenkstein wurde 2007 erneuert.

Das Mahnmal unter den Bäumen an der Straße zwischen Blieschendorf und Burg ist über die Umgehungsstrasse erreichbar.

Mir persönlich würde es viel bedeuten, wenn am 9. November um 18:30 Uhr viele Menschen dabei sein würden, und vielleicht ein Friedhofslicht, vielleicht auch einen kleinen Stein an diesen Ort mitbringen könnten, wie es im Judentum Brauch ist:

Friedhöfe werden im Judentum als Bet Hachajim (Ort des Lebens) oder Bet Haolam (Ort der Ewigkeit) bezeichnet. Jüdische Gräber dürfen nicht eingeebnet werden, sondern sollen ewig bestehen. Anstelle von Blumen werden kleine Steinchen auf Gräber gelegt. Der Brauch stammt vermutlich daher, dass früher schwere Steine auf Gräber gelegt wurden (z.B. in der Wüste), um die Toten vor wilden Tieren zu schützen und damit die Totenruhe zu gewährleisten. Auch symbolisieren Steine Ewigkeit und Unvergänglichkeit und stehen als Symbol für die Seele, die ebenfalls unvergänglich ist.

Für mich ist eine Lehre aus den 12 Jahren Nationalsozialismus und meiner persönlichen Lebenserfahrung mit vielen wunderbaren Menschen vieler Religionen, dass eines wichtig ist:

Wir vergessen nicht – wir sind solidarisch. Mit den Toten – und mit den Lebenden, die in Gefahr sind. Überall. Bei uns auf Fehmarn, in Deutschland, weltweit.

Noch einmal Hans-Christian Schramm:
„Wir sollten die Warnung, dass die Barbarei meist nur unter einer dünnen Decke der Zivilisation verdeckt ist, nicht vergessen. Was einmal geschah, kann wieder geschehen. Seid wachsam und wehret den Anfängen! Menschenrecht und Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif!“

Mit nachdenklichen Grüßen aus Petersdorf

Ihr Eckhard A. Kretschmer
Kantor und Autor